Von Reisen, Impressionen, Erinnerungsorten und Gedenkstätten für die Deutschen aus Galizien – deren  Heimat bis zur Umsiedlung 1939/1940

Gedenksteine Galizien 20-10-2015.cdr

Aufzeichnungen und Bilder von Frau Irmgard Steinmann

In einer Reihe von Posts zu den Aktivitäten von Frau Irmgard Steinmann und anderen Reisenden soll berichtet werden, das sind Fotos und Dokumente von Besuchen in den  ehemaligen Wohnorten der Galiziendeutschen, eine Sammlung von Impressionen.

Beginnen wir mit einem ersten Beitrag, deshalb auch, weil es eine letzte organisierte Exkursionsreise nach Ostgalizien (Westukraine) war, denn mit der  Vollinvasion durch Russland im Jahr 2022 und auch schon ab 2020 mit der weltweiten CORONA-Pandemie waren die beliebten Gruppenreisen in dieser Form nicht mehr praktikabel!

Leider müssen wir feststellen, dass es dieses freie Reisen, das seit der politischen Selbstständigkeit der Ukraine im Jahr 1991 zur Normalität geworden war, nicht mehr gibt. Eine wichtige Säule der Vereinsarbeit war weggebrochen, mit solchen Besuchen Begegnungen und das Errichten von Gedenksteinen  entwickelten sich viele Freundschaften und oft kamen auch neue Mitglieder dazu.

Diese drei Jahrzehnte des freien Reisens ist leider mit dem brutalen Angriffskrieg abrupt zu Ende gegangen; deshalb möchten wir die Bilder und Dokumente von Frau Irmgard Steinmann nutzen, um den  Blick auf Ostgalizien in der Ukraine zu werfen, welche Spuren gab es in den ehemaligen deutschen Siedlungen noch entdecken? In der Zeit des kalten Krieges bis 1990 war das historische Galizien in der ehemaligen Sowjetunion praktisch nicht erreichbar; aber auch hier sind solche “illegale Besuche“ in den Heimatorten dokumentiert.

Diese Serie von Berichten auch deshalb, weil es mit drei Jahrzehnten einen  wichtigen Abschnitt in der 80-jährigen Vereinsgeschichte darstellt, denn der Verein „Die Galiziendeutschen-Geschichte und Erinnerungskultur e.V. wurde  1946 gegründet als “Hilfskomitee  der Galiziendeutschen” im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Irmgard Steinmann Weihe des Gedenksteins in Rosenberg, ein Ortsteil Shchyrets im Jahr 2019

Das war für sie eine besondere Herzensangelegenheit.

Großer Einsatz für die Erinnerungsarbeit an das historische Galizien

Es waren nicht nur die gemeinsamen Exkursionsreisen nach Galizien, in die Ukraine, auch in der Organisation des Vereins war das Ehepaar Steinmann ein wichtiger Akteur, die Wege und neue Inhalte für den Fortbestand des Traditionsvereins ebneten. Frau Irmgard Steinmann war von 2011 bis 2025 Webmaster, in diesen Jahren, wo das Internet immer mehr im Alltag ankam. Das war ein wichtiger  Weg, dass auf diese Art und Weise die Verbindungen zu Osteuropa und den USA  möglich wurden; eben die Vernetzung mit Interessierten an Galizien.

Erinnerungsorte in Galizien besuchen

Ehepaar –  Irmgard und Hans Steinmann, der langjährige Schatzmeister des Vereins und „Galizier aus Überzeugung“, 2019 in Galizien; Weihe des Gedenksteins Rosenberg

Zusammen mit ihrem Ehemann Hans Steinmann (1941 – 2023) war sie als Vertrauensfrau im Hilfskomitee der Galiziendeutschen und später   „Die Galiziendeutschen-Geschichte und Erinnerungskultur e.V. tätig. Für ihren Ehemann Hans Steinmann, der keine Wurzeln, wie seine Frau in Galizien hatte ,  übte mehrere Jahre die Funktion des Kassenwartes aus.

Selbstironisch bezeichnete er sich als „Galizier aus Überzeugung“

Irmgard Steinmann schrieb einmal in der Mitgliederzeitung “Blickpunkt Galizien – Das Heilige Band” zu ihren Anstößen in der Beschäftigung mit ihrer  Herkunft im historischen Galizien:

(…) Durch die Erzählungen meiner Eltern, die aus Lemberg kamen, begann schon früh mein Interesse an Galizien. Zusammen nahmen wir an vielen Reisen in die Westukraine, ins ehemalige Galizien, teil, erstmals im Jahre 2001. Die Geschichte interessierte ihn sehr (…).

Von Besuchen in den Siedlungsorten in Ostgalizien

Ehemalige  deutsche Siedlungen in Galizien Spurensuche  in den 1990-er und 2000-er Jahren

Alle Reisenden, ob noch Zeitzeugen oder Nachkommen bewegte bei solchen Exkursionen die Frage, was ist an Zeugnissen in den ehemaligen Dörfern geblieben, denn 1939/1940 gab es die Umsiedlung der Galiziendeutschen, die eher eine Zwangsmigration war.

Bis etwa 2010 waren die organisierte Busfahrten gut besucht;  über mehrere Jahre gab es Flugverbindungen über Wien nach Lemberg/Lwiw, auch Billigflieger wurden rege genutzt. Der ehemalige Vorsitzende des Hilfskomitees der Galiziendeutschen, Horst Vocht, begleitete 23 mal Reisegruppen bei Besuchen der Erinnerungsorte.  Die Frage der Nachfahren; was ist aus den Friedhöfen geworden, ist da noch etwas zu erkennen oder wurden sie in der Sowjetzeit zerstört?

Bilder von ehemaligen deutschen Friedhöfen zu Beginn der 2000-er Jahre / vor einer Restaurierung

Wie Besucher einen Friedhof nach 75  Jahren der Umsiedlung erlebten, dass vermitteln die nachfolgenden Bilder; er wurde nicht zerstört, man hat ihn sich überlassen. Die freundschaftlichen Begegnungen mit ukrainischen Dorfbewohnern bei dieser Suche in Schönthal /Karachyniv  (2015) war auch dadurch gekennzeichnet, dass der Zugang über ein Privatgrundstücke erfolgte. Diese Nähe zu den Ukrainern war auch deshalb so leicht, weil ein Vereinsmitglied,  Herr  Hans Christian Heinz, der  seit den 1990-er Jahren in Lemberg lebt und damit als Reisebegleiter,  Dolmetscher und Kenner des Landes mit vielen Exkursionsgruppen unterwegs war und die galizische Geschichte lebendig vermittelte!

Beitrag (1) Weihe des Gedenksteins in Rosenberg im Jahr 2019

Beginnen wir  diese Serie aus der Zeit des freien Reisens auf der Grundlage von  Fotos und Berichten (Impressionen) die in den 1990-er und 2000-er Jahren  entstanden sind. Am Anfang soll deshalb die letzte mögliche Reise im Jahr 2019 stehen.

In den Reiseimpressionen von I.S. (steht für Irmgard Steinmann) sind aus den  Jahren  2016 und 2017 Fotos sehen, in welchem Zustand er damals war. Der Friedhof von Rosenberg war zwar zugewachsen und die meisten Grabsteine umgefallen, aber es hat schon eine Umzäunung zur Sicherung gegeben. Von den Vereinsmitgliedern wurden dazu Spenden  gesammelt und mit Freiwilligen vor Ort und den Gemeinden die Restaurierung in Etappen organisiert.

Neben den Impressionen als Quelle fügen wir einen Link  zu WIKIPEDIA ein, dort sind mittlerweile  fast alle Siedlungsorte der der Deutschen aus Galizien aufgenommen  und mit Beschreibungen versehen; hier die Kleinstadt Schtschyrez mit Ortsteil  Rosenberg. 

In jüngster Zeit ist mit der KI (Künstliche Intelligenz) noch eine weitere Möglichkeit dazu gekommen, um mit dieser Methode Recherchen noch schneller auszuführen. Der Nutzer muss sich aber immer bewusst sein, dass er das Ergebnis faktisch bewerten muss. Es lohnt sich in den über 80 Publikationen des Vereis zu vielen Aspekten der Deutschen aus Galizien die Fakten nachzulesen.

Frau Steinmann schrieb zu dieser Friedhofsweihe in der Mitgliederzeitschrift Blickpunkt Galizien -Das Heilige Band:

Zitat aus dem Bericht Blickpunkt Galizien-Das Heilige Band 2019 / Heft 4

Für mich war der 25. Juli 2019 ein besonderer Tag, denn das Projekt »Gedenkstein Rosenberg« fand mit einer eindrucksvollen Feier auf dem ehemals deutschen ev. Friedhof in Rosenberg seinen Abschluss. Auf diesem Friedhof ruhen meine Vorfahren mütterlicherseits, die Familie Lang, die über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren hier gelebt hatte. Zuletzt war mein Großvater, Johann Eduard Lang, auf diesem Friedhof 1936 beerdigt worden, drei Jahre vor der Umsiedlung. Ich, die Enkelin, war die einzige aus meiner Familie, die diesen Friedhof besuchte und ihn vor wenigen Jahren noch in dem total verwilderten Zustand angetroffen hatte. Die deutsche Partnerstadt von Schtschyrets, Gudensberg in Nordhessen, ist in Zusammenarbeit mit der dritten Partnerstadt, Jelcz-Laskowice (Jeltsch-Laskowitz bei Breslau/ Wroclaw im polnischen Niederschlesien), mit Unterbrechungen seit 2013 mit der Pflege des Friedhofs beschäftigt. Es war die polnische (!) Stadt Jelcz-Laskowice, die gemeinsam mit den Partnern in Schtschyrets den Zaun mit Eingangstor um den Friedhof des ehemaligen Rosenberg hat errichten lassen. (Anm. zum Ortsnamen: Rosenberg hieß damals auch – jedoch weniger gebräuchlich – Szczerzec Nowy = Neu Schtschyrets, heute Schtschyrets Novij, im Volksmund jedoch immer noch Schtschyrets Kolonija = Kolonie.) Nach vielen Gesprächen in den letzten beiden Jahren, nach Vorgesprächen durch Herrn Hans Christian Heinz, nach Planung und Vorarbeiten mit der Stadt Gudensberg und mit der Stadtverwaltung von Schtschyrets, stand nun, an jenem Donnerstagnachmittag, dieser schöne Natur-Gedenkstein mit der schwarzen Granittafel und einer Inschrift in Deutsch, Polnisch und Ukrainisch, noch verhüllt vor uns. Gemeinsam hatten wir den Text ausgesucht. Die Feierstunde fand im Rahmen und als krönender Abschluss einer einwöchigen Jugendbegegnung mit Jugendlichen aus Schtschyrets, aus den Partnerstädten Gudensberg und Jelcz-Laskowice statt. Gekommen waren ca. 30 Jugendliche mit ihren Betreuern, Delegationen aus den beiden Partnerstädten, der Bürgermeister mit Lehrern aus Schtschyrets, unsere kleine Reisegruppe aus Deutschland, ukrainische Freunde unseres Vereins, Einheimische und Nachbarn. Besonders hat mich beeindruckt, dass unser Gedenkstein von zwei Geistlichen geweiht wurde, von einem ukrainischen Pfarrer (griechisch katholisch) und vom polnischen Pfarrer (römisch-katholisch). Es wurde gebetet und gesungen. Alles war in die jeweils anderen Sprachen übersetzt worden. Für mich eine sehr emotionale Veranstaltung.(…)

Jugend forscht: Geschichtskunde – praktisch Die jungen Leute haben tolle Arbeit auf dem ehemals total verwilderten deutschen Friedhof geleistet! Wir konnten im Anschluss einen Film im Volkshaus ansehen mit dem Ablauf der gesamten Jugendwoche. Er war unter der Regie von Elisa Mand  entstanden, die das Projekt langjährig, zunächst als Filmstudentin, nunmehr Regisseurin begleitet hat. Alles war wunderbar geplant und vorbereitet von den Partnern aus Schtschyrets und Gudensberg. Die Jugendlichen waren für ihren Einsatz auf dem Friedhof ausgestattet worden mit Handschuhen, Wurzelbürsten, mit Schaufeln und Plastiktüten für das Einsammeln von Müll. Das Ergebnis dieser Arbeiten war verblüffend: Grabsteine, die total vermoost gewesen waren, hatten jetzt wieder ihre ursprüngliche Farbe. Umgefallene Grabsteine wurden aufgestellt und Fragmente aus dem Erdreich geborgen, Schriften wieder lesbar gemacht, Wurzeln ausgegraben. Ich war überwältigt.

In 4 Gruppen eingeteilt, haben die Jugendlichen uns danach an einzelnen Grabsteinen, an denen noch Namen zu erkennen waren, erzählt, was sie über die Verstorbenen herausgefunden hatten… Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für die hervorragende Vorbereitung, Zusammenarbeit und Ausführung, vor allem bei Herrn Dr. Eberhard Kettlitz von der Stadtverwaltung in Gudensberg und allen Mitarbeitern, die die Verwirklichung dieses Projekts erst möglich gemacht haben und damit dazu beitrugen, ein Stück galiziendeutscher Geschichte sichtbar werden zu lassen. Ich bedanke mich auch im Namen des Hilfskomitees der Galiziendeutschen e.V. bei der BKM, dem Kulturreferat für Russlanddeutsche, die durch ihre finanzielle Unterstützung die Durchführung des Projektes ermöglicht hat. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden von mir auch zwei historische Familienbilder, gerahmt und in beiden Sprachen beschriftet, an die Leiterin des örtlichen Osyp-Kurylas-Museums übergeben. (…)

Der Link zu dem Video auf YouTube  von der eindrucksvollen Weihe im Jahr 2019

Hier einige Fotoimpressionen von der Weihe des Gedenksteins; es war nicht nur das Erinnern an die ehemaligen deutschen Bewohner und Nachbarn, sondern die Weitergabe von Geschichte an die Jugendlichen aus drei Ländern, der Ukraine, aus Polen und aus Deutschland, wie auch im Videoclip zu sehen ist. Niemand hätte sich im Jahr 2019 vorstellen können. dass mit dem russischen Angriffskrieg, dieser Weg der Sichtbarmachung von Geschichte der Deutschen aus Galizien abrupt abgebrochen war!

Auf dem Gedenkstein ist   in Ukrainisch  Polnisch und Deutsch zu lesen:

Hier ruhen in Gottes Frieden die Verstorbenen der deutschen evangelischen Gemeinde Rosenberg und der Stadt Schtschyrez,

1786-1939

Errichtet von den Städten
Schtschyrez und Gudensberg
und dem Hilfskomitee der Galiziendeutschen e.V. bei der Jugendbegegnung von polnischen, ukrainischen und deutschen Jugendlichen aus den Städten Jelcz-Laskowice, Schtschyrez und Gudensberg
im Juli 2019
zur Erinnerung an das friedvolle Zusammenleben