Pfälzisch – der Dialekt der meisten Deutschen aus Galizien in der alten Heimat
Ein kleiner Blick in die Literatur zur Sprachforschung
WALTER KUHN, DIE JUNGEN DEUTSCHEN SPRACHINSELN IN GALIZIEN;
EIN BEITRAG ZUR METHODE DER SPRACHINSELFORSCHUNG
MÜNSTER IN WESTFALEN ASCHENDORFSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG, 1930
Eine Lektüre, wie die Situation der kleinen Gruppe der Deutschen aus Galizien nach dem I. Weltkrieg bis zur Aktion “Heim ins Reich” infolge des Überfalls auf Polen 1939 war. Das Buch des Sprachforschers WALTER KUHN gibt interessante Einblicke, deshalb sollen einige seiner Forschungsergebnisse zitiert werden.
Der Bielitzer (heute Bielsko-Biała ) Sprachforscher Walter Kuhn unternahm in den 1920er Jahren mehrere Studienreisen (Feldforschung) in die Siedlungsgebiete der Galiziendeutschen Er hat damit auch die Zwischenkriegszeit in der II. Polnischen Republik abgebildet; man kann auch sagen, es sind die Umstände in den Galiziendeutschen Dörfern wenige Jahre vor der Umsiedlung 1939/1940, wo deren Siedlungsgeschichte nach 150 Jahren endete und damit auch die Mundart verloren ging.
Es ist die Zeit, in der es in vielen katholischen Siedlungen keine Volksschulen mit deutscher Unterrichtssprache mehr gab und in den evangelischen Dörfern Privatschulen gab, deren Kosten von den Bewohnern getragen werden mussten. Der Buchautor macht auch Angaben zu der Schulsituation, wie sie in der Zwischenkriegszeit bestand.
Kuhn bezieht sich auf die „jungen deutschen Sprachinseln“ in Galizien; er klammert also die mittelalterliche Kolonisation in Polen aus und beziffert die Zahl mit ungefähr 46 000 Menschen, die weit zerstreut, eben in den benannten JUNGEN DEUTSCHEN SPRACHINSELN in Ost- und Westgalizien ( siehe Abbildungen.) lebten

Übersicht nach WALTER KUHN (S. 32) zu den Sprachinseln über die Teile von Ost- und Westgalizien verteilt (heute Westukraine und Südostpolen)
Kuhn listet die natürlichen Gruppen der deutschen Siedlungen in Galizien auf:
- I Westkreise
- II Gruppe Sandetz
- III Gebiet der Głuchoniemcy (Walddeutsche)
- IV Gruppe Weichsel-San-Dreieck
- V Gruppe Reichau
- VI Bandrow
- VII Gruppe Lemberg
- VIII Gruppe Brigidau
- IX Gruppe Ugartsthal
- X Gruppe Josefow
- XI Bukowina
Aus den verschiedenen Volkszählungen, ob in der Habsburger Zeit oder in der II. Polnischen Republik; es zeigt sich, dass in der 150-jährigen Siedlungszeit der Anteil der Deutschen in Galizien zur Gesamtbevölkerung um die 1 % betrug und selten etwas darüber. In dem Buch (KUHN ) wurde die Verteilung der deutschen Bevölkerung den natürlichen Gruppen (siehe Foto oberhalb) zugeordnet und unterstreicht noch einmal wie wenige Deutsche in den Regionen der polnischen oder ukrainischen Mehrheitsbevölkerung wohnten; nach der polnischen Volkszählung von 1921 lebten in Galizien nur 0,79 % Deutsche.
Das Schulwesen in Galizien von 1780 bis 1928 im Buch von WALTER KUHN
Eine weitere Darstellung von WALTER KUHN zeigt, wie groß der Druck war, um die Eigenständigkeit in der Muttersprache zu bewahren; das vermittelt eine Tabelle mit Zahlen von 1904, 1912 und 1928 (siehe Abbildung ).

Interessante Erkenntnisse aus dem jüngsten Buch “Deutsche im Distrikt Krakau 1939-1945” von der Osteuropahistorikerin Prof. Isabel Röskau-Rydel
Frau Prof. Isabel Röskau-Rydel von der Pädagogischen Universität Krakau veröffentlichte 2025 eine umfassende Monografie mit dem Titel „Deutsche im Distrikt Krakau 1939-1945 . Dieser Distrikt des Generalgouvernements im besetzten Polen entsprach etwa der Wojewodschaft Krakau und darin eingebettet war somit das historische Westgalizien.
Isabel Röskau-Rydel
DEUTSCHE IM DISTRIKT KRAKAU, 1939 – 1945
Minderheit, Volksgemeinschaft, Besatzer
fibre Verlag. Osnabrück 2025
Schauen wir weiter in das Buch, um ein reales Bild zu der deutschen Minderheit zu bekommen.
Es ist die Frage zu beantworten, wie viele Deutsche gab es etwa in diesem von den Nazis besetztem Gebiet? Auch Frau RÖSKAU-RYDEL bezieht sich an einigen Stellen auf den Sprachinsel-Forscher WALTER KUHN, der ja die Situation in der Zwischenkriegszeit von 1930 analysiert hatte. Es geht auch darum, die Anzahl der Deutschen in Westgalizien in den 1940-er Jahren mit der Anzahl Bewohner in Ostgalizien zu vergleichen. Zunächst soll eine Übersicht aus der polnischen Volkszählung von 1921 zitiert werden. Diese Analyse wird deshalb herangehzogen, um eine ungefähre Angabe zu der Anzahl der deutschen Muttersprachler aus Galizien anzugeben, die in den Sprachinseln lebten.

Tabelle 6 Einwohner mit deutscher Muttersprache in der Wojewodschaft Krakau einschließlich der Stadt Krakau 1921 und 1931, © Röskau-Rydel Buch Seite 44
Aus der Darstellung von RÖSKAU-RYDEL geht auch hervor, dass die NS-Behörden zunächst keine genauen Daten zu der Anzahl der Deutschen hatten, die 1940 im Distrikt Krakau wohnten. Als die Erfassung der “Volksdeutschen“ im Generalgouvernement (GG) 1941 abgeschlossen war, ergab sich folgendes Bild (siehe Abbildung). Die Erfassung dauerte demnach mehrere Monate. Die deutschen Bewohner konnten sich in der “Kennkarte für die deutsche Volkszugehörigkeit“ registrieren lassen; das bedeutete auch Vorteile in der Vorsorgung.

Tabelle 10 , Zahl der Volksdeutschen nach Abschluss der Kennkartenaktion im GG Anfang 1941. © Röskau-Rydel Buch Seite 365
Für den Überblick zur Zahl der Galiziendeutschen bedeutet das; im historischen Westgalizien (Distrikt Krakau) bekannten sich 1941 lediglich 9200 als Deutsche.
In dem Buch von RÖSKAU-RYDEL gibt es auch eine sehr interessante Aussage zu der gesprochenen Mundart, warum sich diese in den Dörfern fast in ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat: auf Seite 42 und nachfolgend das Zitat:
(…) Bei den deutschen Kolonisten, die außer in den größeren Städten Galiziens – nur wenig Kontakt mit dem deutschen Bürgertum hatten und deren Lebenswelt auf ihr Dorf und dessen nähere Umgebung beschränkt war, blieb die deutsche Sprache und auch ihre aus der Heimat mitgebrachte Kultur, insbesondere unter den Pfälzern, durch die relative Abgeschiedenheit der Dörfer bis 1939 erhalten. Auf diese Weise wurde in diesen Kolonien die pfälzische Mundart bewahrt. Da die deutschen Kolonien, insbesondere in Ostgalizien, in der Nähe größerer und kleinerer Städte unter besonderer Berücksichtigung der Hauptstadt Lemberg gegründet worden waren, konzentrierte sich das gesellschaftliche Leben der deutschen Minderheit in Ostkleinpolen (…)
Beiträge aus der Heimatliteratur des Vereins zur Mundart der Deutschen aus Galizien
Es soll auf Persönlichkeiten verwiesen werden, die dazu beigetragen haben, dass die pfälzer Mundart nicht mit der Auflösung der Dorfgemeinschaften 1939/1940 vergessen wurde, obwohl sie von sehr wenigen benutzt und nach der Umsiedlung nur noch im familiären Umfeld gesprochen wurde. In dieser Aufzählung soll der Wissenschaftler Dr. Julius Krämer zuerst genannt werden, der auch das bedeutende historische Werk der Deutschen aus Galizien federführend bearbeitet hatte, bis es 1965 vom damaligen Hilfskomitee der Galiziendeutschen als ein Gedenkbuch herausgegeben wurde.
Dr: Julius Krämer
HEIMAT GALIZIEN; EIN GEDENKBUCH
Herausgegeben vom Hilfskomitee der Galiziendeutschen 1965,Erstausgabe
Der Forscher der Galiziendeutschen – Dr. Julius Krämer (1901-1987)
Julius Krämer
. WÖRTERBUCH UNSER SPRACHSCHATZ (siehe Abbildung )
Wörterbuch der galizischen Pfälzer und Schwaben
Hilfskomitee der Galiziendeutschen A.u.H.B.
Im Diakonischen Werk der EKD e.V. Stuttgart
Erstdruck 1979
Dieses Wörterbuch zu der Mundart der kleinen Gruppe der Deutschen aus Galizien, die in den Siedlungsorten von Ost- und Westgalizien 1940 nur etwa 60 000 Bewohner umfasste. Es ist auch deshalb dessen Bedeutung es hervorzuheben, weil es sich einreiht in die Dialekte und Reginalsprachen in Deutschland mit sehr viel umfangreicheren Wörterbüchern. Zum Vergleich soll die Niederdeutsche Mundart (Plattdeutsch im Norden von Deutschland) genannt werden, die mehrere Millionen gesprochen haben und in der Gegenwart (2026) gibt es nach Schätzungen immer noch 2 bis 2,5 Mio. aktive Sprecher!

Titelseite zum Buch, Julius Krämer Unser Sprachschatz : Wörterbuch der galizischen Pfälzer und Schwaben, im Bestand der Martin.Opitz-Bibliothek / Herne
Der Mundartdichter Friedrich Rech 1883 – 1951
Der wohl bedeutendste Mundartdichter war Friedrich Rech, siehe auch; Jakob Ender, Friedrich Rech zum Gedenken ZEITWEISER DER GALIZIENDEUTSCHEN, 1961 S. 53, Herausgeber, Hilfskomitee der Galiziendeutschen A.u.H,B. im Diakonischen Werk der EKD e.V. Stuttgart
Nachfolgend sein Buch Pfälzer im Osten von 1931, das Inhaltsverzeichnis vermittelt eine Übersicht zu seinen Erzählungen und Gedichten über das Leben in den Dörfern der Deutschen in Ostgalizien.



Friedrich Rech, Buch Pfälzer im Osten, Verlag Daniel Reininger, Neustadt an der Haardt, 1931
Inhaltsverzeichnis zu der Sammlung im pfälzer Dialekt der Deutschen aus Ostgalizien, wie er in den kleinen Skiedlungen gesprochen wurde
Der Heimatforscher und Mundartdichter Jakob Enders (1898 – 1981)
Jakob Enders war Lehrer in Galizien, schon 1919 verfasste er mundartliche Erzählungen und auch Lyrik. Nach dem II. Weltkrieg fand er eine neue Heimat in Neustadt an der Weinstraße. Er schrieb weitere Erzählungen in der Mundart der Galiziendeutschen, viele seiner Werke wurden in der Mitgliederzeitung Das Heilige Band- Der Galiziendeutsche veröffentlicht.
Diese Sammlung seiner Mundartdichtung wurde im Jahr 1958 veröffentlicht.
Jakob Enders, Heit is Kerb morje ist Kerb, 1958, Herausgegeben vom Hilfskomitee der Galiziendeutschen
Der Titel weist auf das Kirchweihfest in den Dörfern Ostgaliziens hin, das für die Siedler das größte Dorffest im Jahresverlauf war.

Cover des Buches von Jakob Enders , Heit is Kerb-morje ist Kerb, 1958, Herausgegeben vom Hilfskomitee der Galiziendeutschen A.u.H.B. im Diakonischen Werk der EKD e.V. Stuttgart
Nachfolgend gesprochene Texte, wie die pfälzische Mundart der Galiziendeutschen klang
Nach dieser Betrachtung in der wissenschaftlichen und heimatkundlichen Literatur können einige Texte zu Gehör gebracht werden; diese Sprecher haben die Mundart in den Familien gepflegt, aber es können auch Hörbeispiele verfolgt werden, wie die Sprache in den großen Städten wie Lemberg klang.
Werner Kraus (geb. 1939) – so wurde in Wiesenberg (heute Mervychi, Ukraine ) gesprochen
Das Vereinsmitglied, Herr Werner Kraus, hat sich den Wiesenberger Dialekt von seinen Eltern bis ins hohe Alter bewahrt. Klicken Sie auf den Link, um Werner Kraus ’ Betrachtung zur Mundart in dem damaligen katholischen Dorf Wiesenberg (heute Mervychi,Oblast Lviv/Lemberg,Ukraine) zu hören.
Einige Erzählungen und Gedichte in Mundart sogenannte “Stickelche” – vorgetragen von Frau Hilma Fische (geb. 1929)
Frau Hilma Fischer, ein langjähriges Mitglied des Vereins (geb. 1929) hat bei vielen Veranstaltungen die Geschichten und Gedichte im pfälzischen Dialekt vorgetragen. Starten Sie diese Hörprobe durch Anklicken und folgen Sie den Episoden , wie in dem ostgalizischen Dorf Lindenfeld (Lypivka,Oblast Lviv, Ukraine) gesprochen wurde! Diese 35 Audiobeiträge basieren auf einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1994, die vom damaligen Hilfskomitee der Galiziendeutschen e.V. initiiert wurde . Im Jahr 1940 war Frau Hilma Fischer im Kindesalter, aber die Mundart wurde noch viele Jahre im Familienkreis gesprochen, eben in der neuen Heimat in Deutschland. Heute (2026) kann man zur Bedeutung dieser Stickelchen sagen; sie sind ein authentisches Sprachzeugnis aus der alten Heimat in Ostgalizien.
Wie hörte sich die Sprache der Deutschen in der Großstadt Lemberg/Lviv, Ukraine – Sepp Müller(1893 – 1977) liest aus seinen Büchern

Im Vorstandszimmer des Verbandes deutscher Landwirtschaftlicher Genossenschaften in Lemberg 1930, Rudolf Bolek und Sepp Müller Foto © Die Galizien deutschen Geschichte und Erinnerungskultur e.V.

Sepp Müller (1930) Lemberg Verband der deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaften Foto © Die Galizien deutschen Geschichte und Erinnerungskultur e.V.

Sepp Müller wird 1964 für seine Verdienste das Bundesverdienstkreuz verliehen, veröffentlicht in Mitgliederzeitung Heiliges Band 1978, Heft 1
Nachfolgend kann ein längerer Tonbeitrag gehört werden, wie die Sprache in der Großstadt Lemberg (Lviv) klang; wie die Osteuropa-Historikerin Frau Prof. RÖSKAU-RYDEL hervorhob, hat sich die pfälzische Mundart in den abgeschiedenen Dörfern erhalten, aber in der Stadt wurde Hochdeutsch gesprochen. Von dem bedeutenden Autor der Galizischen Heimatliteratur, Sepp Müller (1893- 1977), ist eine historische Tonaufzeichnung aus dem Jahr 1973 erhalten geblieben. Auch die Lemberger (Lviv) Deutschen wurden 1939 umgesiedelt, es ist naheliegend, dass Sepp Müller in diesem Tonfall gesprochen hat.
Hier der Link zu der Lesung des Autors Sepp Müller – Heimatliteratur:
Sepp Müller, VON DER ANSIEDLUNG BIS ZUR UMSIEDLUNG
DAS DEUTSCHTUM IN GALIZIEN; INSBESONDERE LEMBERGS 1772 – 1940
Herausgegeben vom Johann Gottfried Herder-Institut, Marburg 1961
Dorfmuseum Unterwalden in einem Audioguide – vorgestellt von einer Lembergerin im Jahr 2019
Frau Oksana Ramanyschin (Sprecherin) hat galiziendeutsche Wurzeln in der katholischen Siedlung Machliniec (Makhlynets, Oblast Lviv, Ukraine ); sie lebt in Lviv und in der Vergangenheit hat sie oft als Korrespondentin in unserer Mitgliederzeitschrift Blickpunkt Galizien-Das Heilige Band über das heutige Galizien in der Westukraine berichtet.

Ausstellungsraum im Dorfmuseum und Kulturzentrum von Unterwalden (Pidhajtschyky, Oblast Lviv) ), Erweiterung 2019, Foto Facebook Pidhajtschyky
Im Jahr 2019 vor der CORONA-Pandemie und dem brutalen Angriffskrieg von Russland wurde das Dorfmuseum und Kulturzentrum Unterwalden /Pidhajtschyky mit der Ausbaustufe 2 erweitert. Frau Oksana Romanyschin führt uns in einem Audioguide in das Dorfmuseums und Kulturzentrum und blickt auf ehemalige deutsche Bewohner mit ihren Häusern.
