Kleine Himmel

Kleine Himmel

Roman von Brygida Helbig (Autorin), Natalie Buschhorn (Übersetzerin), Ersch. 2019

Inhalt:

Willi, der Galiziendeutsche Halbwaise, 1939 in den Warthegau umgesiedelt, kommt nach dem Krieg in das nun polnische Stettin. Er heiratet die ebenfalls aus ihrer ostpolnischen Heimat vertriebene Basia, die 1941 als Sechsjährige von den Sowjets nach Kasachstan verschleppt worden war. Ein neues Leben soll beginnen, aber die Vergangenheit lässt sie nicht ruhen. Davon erzählt uns Zuzanna, ihre Tochter, die erst spät ihre väterlichen Wurzeln entdeckt und inzwischen in Deutschland lebt, aus der Sicht einer Migrantin, deren Vater Deutscher und Pole zugleich ist und deren Eltern beide Flüchtlinge und Umsiedler waren, nur aus unterschiedlichen „Lagern“. In wunderbar poetischer, warmer und ironischer Sprache nimmt uns Brygida Helbig mit auf die Suche nach den Wunden und verborgenen Schätzen ihrer Wurzeln, eingebettet in die Nachbeben mitteleuropäischer Geschichte. Eine neue Stimme der 1960er-Generation die unsere tradierte Überlieferung in Frage stellt.

 


 


Brigida Helbig, (Brigitta Helbig-Mischewski, Foto)  wurde 1963 in Szczecin geboren und lebt seit 1983 in Deutschland. Autorin von Prosa, Dramatik und Lyrik. Studium der Slawistik und Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum, habilitierte sich 2004 an der Berliner Humboldt-Universität. In deutscher Übersetzung erschienen der Prosaband „Ossis und andere Leute“ (2015, nominiert für die Literaturpreise Nike und Gryfia) und der Kurzroman “Engel und Schweine” (2016). Autorin der preisgekrönten Monografie über die Schriftstellerin Maria Komornicka „Ein Mantel aus Sternenstaub“ (2005, “Stracona bogini”, 2010) und des biographischen Romans “Inna od siebie” (2017), der für den Literaturpreis der Stadt Warschau nominiert wurde. Der Roman „Kleine Himmel“ („Niebko“, 2013) war auf der Shortlist des Literaturpreis Nike und erhielt 2016 die Goldene Eule. Lebt in Berlin. www.helbig-mischewski.de

Natalie Buschhorn, (Übersetzerin aus dem Polnischen) geboren 1974 in Dessau, zweisprachig deutsch-polnisch aufgewachsen. Studium der Polonistik und Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. Publikationen und Übersetzungen von polnischer Lyrik und Prosa

Rezensionen

Topographie der Erinnerung

„Das Spiel ‚Kleine Himmel‘ kennt in Polen beinahe jedes Kind: Tief in der Erde werden Blüten, Bonbonpapier und andere ‚Schätze‘ zu kleinen Mosaiken gelegt und vergraben. Das Spiel ist einfach. Es besteht in der Suche nach diesen Schätzen, die jedoch selten vom Erfolg gekrönt ist. Denn das Gedächtnis ist löchrig, es vergisst und verdrängt. (…) Die Protagonistin Zuzanna des neuen Romans von Brygida Helbig begibt sich auf die Suche nach den Mosaiksteinehen der eigenen Familiengeschichte. Familienromane, die ein Panorama des 20. Jahrhunderts mit seinen Traumata bieten, gibt es viele. Doch Kleine Himmel ist aus zwei Gründen besonders: Zum einen ist es seine Sprache, die lebendig und leicht daherkommt, trotz der keineswegs leichten Themen. Manchmal vermutet man hinter den Sätzen fast eine kindliche Freude. Vielleicht ist aber diese Heiterkeit nur ein Weg, um die von den Großeltern und Eitern geerbten Wunden nicht zu spüren. Zum anderen handelt es sich um einen Roman, der die Irrungen der deutsch-polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert jenseits des tradierten Narrativs beschreibt. Nichts ist hier ausschließlich schwarz oder weiß, niemand ausschließlich deutsch oder polnisch. Nationale Kategorien greifen zu kurz, um die Protagonisten und ihre Konflikte zu beschreiben.” 

Magdalena Gebala, in „Kulturkorrespondenz östliches Europa”, 1407/ September 2019/ S. 20

Der blinde Fleck in den kleinen Himmeln
Brygida Helbig erzählt über deutsch-polnische Identitäten
von Monika Wolting

Das Spiel „Kleine Himmel“ gehört nicht standardmäßig in jede Kindheit. Aber Menschen, die aus Ostpolen stammen, berichten über ein Kinderspiel, das darin bestand, aus Glasscherben kleine Mosaiken zu legen  und sie an geheimen Stellen in die Erde zu vergraben. Die Suche nach den „kleinen Himmeln“ der Vergangenheit, die tief, nicht unbedingt in der Erde, sondern eher in der Psyche, in der Mentalität, hinter Tabuvorhängen, Angst und vielleicht Scham vergraben und versteckt liegen, stellen das Leitmotiv von Brygida Helbigs Roman Kleine Himmel dar…

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Ein bewegender, mit besonderem Sprachgefühl, dezentem Humor und viel Wärme geschriebener Roman, eine Familiengeschichte. 

Es geht um das abenteuerliche Leben des Galiziendeutschen Willi, dem 1945 die Flucht nach Deutschland aus dem Warthegau nicht gelingt, und der mit seiner Familie in Polen bleibt. (Dabei erfährt man viel über die Geschicke der so genannten Galiziendeutschen, die Ende des 18. Jhs. im heutigen Südostpolen und der Westukraine angesiedelt wurden.) Es ist aber auch die Geschichte von Willis Frau Basia, einer Polin, die 1940 von den Sowjets nach Kasachstan verschleppt wird. Beide lernen sich nach dem Krieg in Stettin (Szczecin) kennen. Und ihre in Stettin geborene Tochter Zuzanna, die Erzählerin, berichtet… Auch darüber, was das Schicksal ihrer Eltern für sie selbst (auch als Migrantin in Deutschland) bedeutet. Es ist also auch ein Buch über das transgenerationale Trauma und transgenerationale Kraft und Resilienz. Es geht zum Teil um sehr schmerzhafte Erlebnisse, sie werden aber mit viel Liebe erzählt. Das Buch bringt einen auch zum Lachen oder zumindest zum Lächeln. 🙂 Dem Roman beigefügt ist eine spannende literarische Reportage (eine Art road novel) von der Reise der Autorin an die polnisch-ukrainische Grenze, wo sie das Grab ihres Großvaters sucht. Ein Buch mit viel Tiefgang. Am Anfang mag es vielleicht etwas schwierig sein, sich die verschiedenen Figuren und Handlungsstränge zu merken. Sobald man aber durchzusehen beginnt (und das passiert sehr schnell) fesselt einen die Lektüre sehr. Emotional sehr berührend. Und sehr gut und kreativ aus dem Polnischen übersetzt (von Natalie Buschhorn und Lothar Quinkenstein, unter Mitwirkung der Autorin). Sehr empfehlenswert. 

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